Aufzeichnungen aus dem Schneeland

Erstellt 2025.12.16
Anfangs war es still. In der Dämmerung wurde der Himmel zu einem verblassten, aschgrauen Samttuch. Der Wind wirbelte unter dem Dachvorsprung und gab ein hohles Murmeln von sich. Ich lehnte am Fenster, das Glas war mit einer dünnen Reifschicht überzogen, wie geheime Runen, die jemand mit eisigen Fingerspitzen gezeichnet hatte. Die Luft hatte eine angespannte Textur, als ob die ganze Welt den Atem anhielte und wartete. Dann fiel der erste Schneeflocke – so leicht, so zögerlich, wie eine Feder, die versehentlich vom Rand der Wolken fiel.
Der eigentliche Schnee kam nach Einbruch der Nacht. Nicht mehr einzeln, sondern in Scharen, Flocken für Flocken, Klumpen für Klumpen, ergoss er sich aus unergründlicher Höhe. Im orangefarbenen Schein der Straßenlaternen fiel der Schnee nicht senkrecht, sondern drehte und wirbelte, tanzte einen großen und stillen Walzer. Sie waren keine Individuen mehr, sondern ein fließender, leuchtender Fluss, ein sanfter Wasserfall. Ich öffnete das Fenster, und die eisige Luft strömte herein, mit dem gefrorenen Geruch von Kiefernnadeln und Erde, und die Lichtpunkte vergrößerten sich vor meinen Augen, wurden klar und verschwanden sofort in meinem Atem.
Als ich am nächsten Tag die Tür öffnete, war ich von dem reinen „Weiß“ überwältigt. Es war kein Weiß der Farbe, sondern das Weiß des Lichts, das Weiß, nachdem der Schall absorbiert worden war. Alle Kanten waren weich geworden – die Dachziegel, die Eisenstangen des Zauns, die Nadeln der Kiefern, alles war mit einer dicken, flauschigen Schneedecke bedeckt. Die Welt wurde plötzlich so einfach, es blieben nur noch Bögen und Kurven. Als ich hineintrat, „knirschte“ es – das Geräusch ging von den Füßen bis ins Herz, so knackig wie das Beißen in eine gefrorene Birne. Dieses Geräusch war das Siegel des Winters, auf jede unberührte weiße Seide geprägt.
Das Lachen der Kinder durchbrach zuerst die Stille. Sie rollten unförmige Schneemänner, die Karottennasen schief, die Kohleaugen ungleich groß. Ein kleines Mädchen in einem roten Mantel baute allein eine Burg, ihre Fingerspitzen waren rot vor Kälte, und der ausgeatmete weiße Dampf bildete feinen Reif auf ihren Wimpern. Weiter entfernt fegte ein alter Mann mit dem Besen langsam und rituell den Schnee weg, hinter ihm zeichnete sich allmählich ein schwarzer Pfad ab, wie eine aufrollende Schriftrolle, die die Erde endlich erwacht und langsam entfaltet.
Die Sonne kam heraus. Die Schneefläche spritzte plötzlich mit Milliarden winziger Diamanten, das Licht schien nicht, sondern sprang und brach zwischen jeder Eiskristall. Vom Dachvorsprung begann es zu tropfen, „tock, tock“, gemächlich, und zählte den Rhythmus des vergehenden Winters. Erst da sah ich, dass unter dem dicksten Schnee ein letztes Jahr gefallenes Ahornblatt immer noch seine dunkelroten Adern behielt, vom Schmelzwasser durchtränkt, als ob die Erde ein verblasstes Lesezeichen aufbewahrte.
Die Nacht brach erneut herein, aber der Schnee hatte aufgehört. Die Schneefelder unter dem Mondlicht schimmerten in einem schwachen Blau, als ob Licht aus dem Inneren der Erde schien. Ich erinnerte mich plötzlich an Bashōs Haiku: „Der Schnee ist geschmolzen, das Dorf ist voller lachender Kinder.“ Der Schnee wird schließlich schmelzen, in Bäche fließen, in die Erde sickern und einen weiteren Frühling nähren. Aber im Moment existiert er einfach still, in seiner zerbrechlichsten Form, bedeckt alles, erklärt alles und bleibt allem gegenüber still. Mein ausgeatmeter weißer Dampf löste sich vor dem Fenster auf, und die silberne Landschaft hatte sich bereits still in die Tiefen meiner Pupillen eingenistet und wurde zu einer Fuge des Lichts, die keine Melodie brauchte.

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